Als Nicht-Autofahrer in der Schweiz
Die meisten Menschen schauen erstmal sehr verwundert drein, wenn ich ihnen erzähle, dass ich keinen Führerschein besitze und auch nicht vorhabe, mir in absehbarer Zeit selbigen und dann natürlich ein Auto anzuschaffen. Meistens geht dann das Gefrage los, wie ich denn überhaupt vom Fleck komme, gefolgt von der Schwärmerei über Freiheit und Mobilität des Autofahrers. Wer sich, wie ich, mit Fahrrad über kurze und Zug oder Flieger über lange Strecken fortbewegt, der weiß selbst, was ich diesen Menschen jedes Mal erzähle (z.B. über die Freiheit während der Fahrt einen Cappucino zu trinken und dann aufs Klo zu gehen oder die Mobilität eines Radfahrers in der Rush Hour), doch um die allgemeinen Vorteile soll es hier jetzt gar nicht gehen.
Seit knapp 6 Wochen wohne ich nun in der Schweiz, und ich muss sagen, als Nichtautofahrer habe ich damit eine äußerst weise Entscheidung getroffen. Die Schweiz ist erstens sowieso viel zu klein für große Straßen, bietet zweitens eines der besten Zug- und S-Bahn-Netze der Welt und ist drittens so fußgängerfreundlich, dass man als Autofahrer lieber etwas vorsichtiger ist, denn linksrechtslinks schauen gilt hier aus Gewohnheit eher für den Fahrer als für den Fußgänger an den zahlreichen Zebrastreifen.
Letzeres ist besonders auffällig, wenn man die hier übrigens gelb gefärbten Streifen benutzt. So ist es ganz normal, dass ein Autofahrer schon anhält, wenn man nur daran vorbeigeht und dabei mal den Kopf Richtung Straße schwenkt. Und hat man erstmal auch nur einen Fuß auf die Straße gesetzt, würde hier sowieso niemand daran denken nicht stehenzubleiben. Sehr angenehm!
Und Zugfahren ist genauso angenehm. Der Ort, in dem ich hier am Bodensee wohne, zählt ungefähr 8000 Einwohner und besitzt sage und schreibe 3 verschiedene Bahnhöfe an 2 verschiedenen Bahnstrecken. Die eine Strecke führt über St. Gallen nach Zürich, das man in einer knappen Stunde erreicht, und die andere am Bodensee entlang nach Konstanz. Beide Strecken werden wahlweise von unterschiedlichen Regional- und Überlandzügen der SBB oder den hochmodernen Leichttriebwägen der Thurbo-Bahn bedient, welche mehr oder weniger die ganze Region im Kilometertakt erschließt. So muss öffentlicher Nahverkehr aussehen – schnell, erreichbar, benutzbar! Nicht umsonst habe ich vor Jahren schon ehrenamtlich dem RoRegio-Projekt für Rosenheim bei der Websitegestaltung unter die Arme gegriffen. Es ist einfach die bessere Lösung als überall Stau und in der Folge einfach größere Straßen bauen. Und hier wirds gemacht anstatt nur darüber zu diskutieren. Herrlich.
Am 7. September 2006 um 22:28 Uhr
Hey, du scheinst ja nicht mal 20 Kilometer weg von mir zu wohnen. Aber 3 Bahnhöfe? Da bin ich jetzt partout überfragt, in welchem Kaff haust du denn?
Übrigens ein ausgezeichneter Artikel, den ich – genau wie du – wunderbar den ewigen »Mach doch endlich den Führerschein«-Nörglern präsentieren kann.
Am 8. September 2006 um 06:04 Uhr
Tatsache, Luftlinie ca. 13 Kilometer laut Google Earth. :)
Ich wohne in Rorschach. Da gibts nen Haupt-, Hafen- und Stadtbahnhof.
Am 8. September 2006 um 09:15 Uhr
Sehr schöner Artikel. Obwohl ich den Führerschein besitze, gehe ich täglich mit dem Bus oder Velo zu Arbeit oder in die Schule. Eine Velofahrt am Morgen ist einfach herrlich…
Und noch was zu den Fussgängerstreiffen: Ich glaube es ist sogar im Gesetz verankert, dass Autofahrer vor einem Fussgängerstreifen anhalten müssen. So können sie auch gebüsst werden. ;-)
Am 8. September 2006 um 10:31 Uhr
Herr Kippe, ich finde dein kein-Führerschein-Verhalten ja auch in Ordnung, aber du solltest auch erwähnen, dass es ohne Freunde mit dem sagenumwobenen Führerschein und dem dazugehörigen Fahrzeug auch nicht geht, wie dir dein Umzug, oder diverse Freizeitaktivitäten klar gemacht haben sollten.
Am 8. September 2006 um 11:04 Uhr
Da hast du natürlich recht, und vielen Dank nochmal für die Hilfe bei den letzten Umzügen! Ich habe aber mit dem Beitrag auch niemandem seinen Schein madig machen wollen.
Eigentlich habe ich ja auch im Schreibwahn ein wenig geflunkert, ich habe schließlich in den USA schon die sog. Learner Permit, also den Fahr-mit-Beifahrer-Schein, und beim nächsten Aufenthalt bekomme ich dann auch gleich die Driver License. Aber nur weil man in L.A. wirklich nirgendwo ohne Auto hinkommt. ;)
Am 14. Dezember 2006 um 23:19 Uhr
Laut Gesetz sollten die Autofahrer in der Schweiz tatsächlich dem Fussgänger bei einem Zebrastreifen den Vortritt lassen. Hält aber irgendwo eine Strassenbahn, dann drücken die Autofahrer regelmässig aufs Gaspedal, um ja an der Strassenbahn vorbeifahren zu können, bevor diese abfährt. Der Fussgänger, der gerne mit der Strassenbahn gefahren wäre, hat dann das zweifelhafte Vergnügen, der Strassenbahn nachzusehen.
In Rorschach sind die Autofahrer offenbar besser erzogen, als anderswo in der Schweiz, in Biel glücklicherweise auch.
Auch ich besitze übrigens ebenfalls weder Führerschein noch Auto (aus Prinzip, der Luftverschnutzng wegen) aber ausser dem Fahrrad für die ganz kurzen Distanzen auch noch eine Radelrutsch und ich spiele mit dem Gedanken, ein Faltvelo zu kaufen.